19.01.2008

Atomkraft: "Sachliche Diskussion" mit nur einem Experten?

Berichterstattung des Bergsträßer Anzeiger

Grüne greifen die Volkshochschule an

Bergstrasse. Mit einem offenen Brief an die Kreisvolkshochschule (Kvhs) Bergstraße reagiert die grüne Kreistagsfraktion auf eine Einladung zum "Bergsträßer Talk" in Lorsch. Am 23. Januar (Mittwoch) steht dabei das Thema Kernenergie im Brennpunkt.

 

Die Kvhs lädt nach eigenen Angaben zu einer "sachlichen Begegnung mit der Atomkraft ein". Als Experte steht ausschließlich Klaus Distler zur Verfügung, der ehemalige Direktor des Kernkraftwerks Biblis. Im Gespräch mit Bergsträßer Journalisten erläutert er "die der Kernkraft zugrunde liegende Technik und deren Bedeutung für den Industriestandort Deutschland". Dabei werde er auch auf die Folgen eingehen, die der geplante Atomausstieg für Deutschland als führende Industrienation hätte, heißt es vorab.

 

"Ich weiß nicht, ob solch einem Text eine politische Absicht oder Naivität zugrunde liegt, aber Zeitpunkt und Anlage der Veranstaltung kritisieren wir in aller Schärfe", so Grünen-Fraktionsvorsitzender Jochen Ruoff. Herr Distler sei als ehemaliger Direktor der Krenkraftwerks das Gegenteil eines Garanten für eine sachliche Begegnung mit der Atomkraft. Er sei zu seiner Amtszeit derjenige gewesen, der die Interessen eines Stromkonzerns vertreten habe, der immer noch auf die Atomkraft setze und in Biblis mehr auf Profit als auf Sicherheit schiele.

 

Herr Distler habe sich während seiner Amtszeit nicht um einen Dialog mit Andersdenken bemüht, so Ruoff. Im Gegenteil gehöre er zu denjenigen, die 1998 dafür gesorgt haben, dass eine Veranstaltung mit Joschka Fischer in einem gellenden Pfeifkonzert von den Mitarbeitern aus Atomkraftwerken, die er und seine Kollegen nach Biblis gelotst hatten, fast gesprengt wurde.

 

"Wir können nicht nachvollziehen, dass eine solche Veranstaltung von einer Kreisvolkshochschule kurz vor einer Landtagswahl in dieser Form veranstaltet wird", kritisiert Evelyn Berg, die grüne Direktkandidatin für die Landtagswahl. Die Frage der Atomenergie gehöre zu den zentralen Themenfeldern, die auch bei dieser Wahl eine Rolle spielten. Öffentliche Institutionen wie Schulen sollten allen Meinungen eine gleichberechtigte Chance geben, sich kund zu tun.

 

In diesem Kontext zeige sich, dass die Abschaffung des Beirates für die Kreisvolkshochschule ein Fehler gewesen sei. Diesem wäre diese Veranstaltung mit großer Wahrscheinlichkeit aufgefallen und er hätte entsprechend eingegriffen. So sei zu vermuten, dass die zuständigen politisch Verantwortlichen das Programm entweder nicht gelesen haben oder dieses ausdrücklich gutheißen.

 

Die Kreisgrünen kündigen deshalb an, diese Veranstaltung unter diesen Voraussetzungen nicht zu besuchen. Sie fordern die Kvhs stattdessen auf, einen weiteren Vertreter zu benennen, der dafür sorgt, dass sich die Zuhörer durch Rede und Gegenrede selbst ein Urteil zur Kernkraft bilden könnten. zg

 

Bergsträßer Anzeiger

19. Januar 2008

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