25.01.2008

Für Ex-Umweltministerin Priska Hinz bleibt die Atomenergie nach wie vor unbeherrschbar

Berichterstattung des Bergsträßer Anzeiger

Energiewende als "Jobmotor"

Lorsch/Bergstrasse. "Klaus Distler ist mir noch gut bekannt", erinnerte sich Priska Hinz, die bildungs- und forschungspolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion. 1998 hätten er und rund 800 Kraftwerksmitarbeiter dafür gesorgt, dass eine Veranstaltung mit Joschka Fischer mit einem Pfeifkonzert fast gesprengt wurde. "Das war für mich die Feuertaufe als frischgebackene Umweltministerin in Hessen."

Bei der Gegenveranstaltung der Grünen zum Bergsträßer Talk stellte sie dar, weshalb Distler als "sachlicher Referent" zum Thema Kernenergie denkbar ungeeignet sei: Als ehemaliger Direktor des AKWs Biblis sei er mitverantwortlich gewesen dafür, dass jahrelang "verstrahlte Transporte durchs Land" fuhren. Grenzwerte seien nicht eingehalten worden, was das RWE lange vertuscht habe, so Priska Hinz.

Dass Atomenergie nach wie vor nicht beherrschbar sei, zeige das Beispiel Biblis immer wieder - ein "uralter Meiler", der über Monate abgeschaltet werden musste, weil Dübel falsch eingebaut worden waren. Aufsichts- und Kontroll-Instanzen hätten versagt.

Die Welt von heute sei auch nicht sicherer geworden: Die Gefahr von Terrorangriffen und Flugzeug-Abstürzen auf Atommeiler habe zugenommen. Nicht zuletzt deshalb seien die Meiler noch nie für den Ernstfall versichert gewesen. Neben den schrecklichen Folgen für Mensch und Umwelt müsste mit wirtschaftlichen Schäden in dreistelliger Milliardenhöhe gerechnet werden; eine solche Versicherung wäre unbezahlbar. Auch die Kosten für Transporte, Zwischenlagerung und die noch immer ungeklärte Frage der Endlagerung werde selten thematisiert. Statt dessen versuche man über den Klimaschutz die Kernenergie wieder "gut" zu reden, trotz aller Gefahren - das sei wie "den Teufel mit dem Belzebub austreiben zu wollen".

Wer vor dem Arbeitsplatzabbau im Industrieland Deutschland durch den Atomausstieg warne, verschweige dass "wir die führende Nation in Sachen Umwelttechnologie sind", so Hinz. In Hessen könnten bis 2015 etwa 11 450 Arbeitsplätze in diesem Sektor entstehen, würde man konsequent auf die Energiewende hinarbeiten - ein echter "Jobmotor", auch ohne den Flughafenausbau in Frankfurt.

Bis zum Jahr 2028 könnte der Strombedarf in Hessen komplett aus erneuerbaren Energien gedeckt werden, so das Programm der Grünen. Machbar sei dies durch technische Entwicklungen hin zu mehr Energieeffizienz; Einsparpotentiale - etwa bei technischen Geräten oder bei der Dämmung von Häusern - gelte es zu nutzen. Dezentrale Blockheizkraftwerke könnten "die Macht der Stromkonzerne brechen".

Auch im Kreis Bergstraße könnten neue Arbeitsplätze entstehen, würde man die Windkraft politisch nicht immer kleinreden, betonte Grünen-Direktkandidat Helmut Rinkel. So baue eine Odenwälder Firma wichtige Teile für Windräder. Nur hier im "Nibelungenland" würden diese nicht aufgestellt, weil sie "angeblich die Landschaft verschandeln". "Was sieht man denn, wenn man vom Melibokus runterblickt?", fragte Kreistagsabgeordneter Thilo Figaj. "Zwei AKWs in Biblis und die Industrie-Schornsteine in Ludwigshafen. Das sieht auch nicht besser aus." hbg Bergsträßer Anzeiger 25. Januar 2008

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