25.01.2008

Pro und Contra Kernenergie

Bei ihrem Ex-Chef im Lorscher Rathaus: "Mitarbeiter des Kernkraftwerks in der Mehrheit" schreibt das ECHO, und zitiert einen Beobachter der Grünen der kurz darauf von einer "erschreckenden Märchenstunde" berichtet. Bild LOTZ/BA
Berichterstattung des Starkenburger Echo

Grüne setzen Kontrapunkt

LORSCH. Einen Kontrapunkt zum „Bergsträßer Talk“ der Kreisvolkshochschule (KVHS) haben die Grünen gesetzt. In der Talkrunde stellten im Nibelungensaal des Rathauses Karl-Heinz Schlitt, Chefredakteur des Bergsträßer Anzeiger, und Bernd Sterzelmaier, Redaktionsleiter des Starkenburger Echo, dem ehemaligen Leiter des Atomkraftwerks Biblis, Klaus Distler (69), kritische Fragen zum Thema Kernenergie. Zeitgleich sprach die Bundestagsabgeordnete Priska Hinz am Mittwochabend vor 30 Besuchern in der wenige Meter vom Rathaus entfernten Nibelungenstube in Lorsch.

Den Termin der Volkshochschule beschrieb Thilo Figaj, Abgeordneter der Grünen in der Lorscher Stadtverordnetenversammlung und im Kreistag, als „unglücklich gewählt“. Die Veranstaltung der Grünen sei trotzdem „nicht unbedingt eine Gegenveranstaltung. Wir hätten ohnehin in dieser Woche eine Veranstaltung in Lorsch gemacht“, sagte Figaj. Dennoch hätten die Grünen als Reaktion auf den „Bergsträßer Talk“ ihre Referentin gebeten, die Themen Atomkraft und regenerative Energien aufzugreifen. Hinz ist bildungs- und forschungspolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion. Von 1998 bis 1999 war sie Umweltministerin in Hessen.

Die Erkenntnis, dass der Ausstieg aus der Atomkraft in vielerlei Hinsicht ein Fortschritt sei, bot in Anbetracht der Grünen-Kampagne „Zukunftsenergie für Hessen“ keine Überraschungen.

Einen „Treppenwitz der Geschichte“ nannte es Hinz, dass bei der Veranstaltung der Volkshochschule Distler als einziger Referent die Konsequenzen des Atomausstiegs vorstellen solle. Die Grünen hatten zuvor gefordert, einen weiteren, neutralen Experten zu dieser Veranstaltung einzuladen.

Der Lehrer Wim Roukens war zunächst im Alten Rathaus Zuhörer beim „Bergsträßer Talk“. Er kam kurz vor 21 Uhr in die Nibelungenstube und berichtete dort von seinen Eindrücken. Als „unerträgliche und erschreckende Märchenstunde“ bezeichnete er die Art und Weise, wie Distler über das Thema Kernenergie referiert hatte. Andererseits bedauerte es Roukens, dass seine Parteifreunde die Talkrunde boykottiert haben. Das sei Absicht gewesen, sagte Jochen Ruoff, Vorsitzender der grünen Kreistagsfraktion. Die Grünen seien nicht bereit, in dieser Form über das Thema zu diskutieren.

Sowohl Priska Hinz, als auch ihre Bergsträßer Parteifreunde sind noch von einem Schlüsselerlebnis geprägt: Im Frühjahr 1998, wenige Wochen vor der Bundestagswahl, waren Priska Hinz und Joschka Fischer bei einer Veranstaltung der Grünen in der Bibliser Riedhalle von 1000 Kernkraftbefürwortern gnadenlos ausgebuht und ausgepfiffen worden. Distler habe damals dem Treiben teilnahmslos zugeschaut.

Wie damals in Biblis waren am Mittwochabend im Lorscher Rathaussaal die Atomkraftbefürworter in der Mehrheit, unter ihnen viele Mitarbeiter des Kernkraftwerks. Distler hatte in seinem Kurzreferat von einem weltweiten Boom bei der friedlichen Nutzung der Kernenergie gesprochen. Sterzelmaier zweifelte an dieser Aussage und führte an, dass weltweit 439 Reaktoren Strom produzierten – fünf weniger als 2002. „Wo sehen Sie den Boom?“, fragte Sterzelmaier.

Distler hielt entgegen, zurzeit seien 23 Anlagen im Bau. Der Journalist wies darauf hin, dass aus Olkiluoto (Finnland), wo von einem deutsch-französischen Konsortium der „European Pressurized Water Reactor (EPR) gebaut wird, von Sicherheitslücken schon in der Bauphase berichtet werde. Die Kostenschätzungen seien dort von anfangs 3,2 auf mittlerweile 4,5 Milliarden Euro erhöht worden, und statt 2009 solle dieses Atomkraftwerk frühestens 2011 Strom produzieren. Der ECHO-Redaktionsleiter fragte außerdem nach den Risiken und nach den volkswirtschaftlichen Nebenkosten, die bei der Stromerzeugung durch Kernenergie entstehen. In der Öffentlichkeit sei kaum bekannt, dass allein der Rückbau des Forschungsreaktors in Karlsruhe 2,6 Milliarden Euro koste. Zunächst sei von einer Milliarde die Rede gewesen. Distler sagte, für den Rückbau aller deutschen Kernkraftwerke müssten 100 Milliarden Euro kalkuliert werden. Die Kosten für den Rückbau in Biblis gab er pro Block mit einer Milliarde Euro an.

Distler blieb – wie zu erwarten war – auch im „Bergsträßer Talk“ optimistisch, was die Lösung aller finanziellen und technischen Probleme betrifft. Probleme mit radioaktiven Abfällen seien lösbar, durch die Wiederaufarbeitung von abgebrannten Brennstäben reichten die Uranvorkommen im Gegensatz zu den fossilen Energieträgern auf unabsehbare Zeit. ai/dd 25.1.2008

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