14.01.2009

Wahlkampf mit Energie

Jürgen Trittin bei den Bergsträßer Grünen in Bensheim. Presseschau:

BERGSTRÄSSER ANZEIGER:

An seinen letzten Besuch in Bensheim erinnert sich Jürgen Trittin noch ganz genau - und sehr gerne. Im Bundestagswahlkampf 2002 war's. Trittin tourte als Bundesumweltminister durch die Lande und hob in luftige Höhen ab, um auf dem Dach des Obi-Markts eine Photovoltaikanlage in Betrieb zu nehmen. Das Medienecho war beträchtlich und der Grünen-Politiker in seinem Element.

In bester Laune präsentierte sich der Grünen-Politiker auch gestern beim Pressegespräch vor dem Neujahrsempfang seiner Bergsträßer Parteifreunde im Bensheimer Hotel Felix, obwohl er diesmal - ohne Amtsbonus - kleinere mediale Brötchen backen musste. Als Profi im Politbetrieb weiß Trittin, dass die "Präsenz in der Fläche und in den Lokalzeitungen gerade für kleinere Parteien" umso wichtiger ist, je mehr ein Wahlkampf auf die Matadore zugespitzt ist - wie jetzt auf den CDU-Ministerpräsidenten Roland Koch und seinen SPD-Herausforderer Thorsten Schäfer- Gümbel und mehr noch im Herbst auf Kanzlerin Merkel und ihren Vize Steinmeier.

Am liebsten gleich drei Glas Sekt

Am nächsten Sonntag will Trittin trotzdem den Sektkorken knallen und sich am liebsten gleich drei Gläschen schmecken lassen. Seinen Alkoholspiegel gedenkt der kühle Niedersachse in drei Schlücken anzuheizen: Dass die Hessen-Grünen ihr Minimalziel - mehr als die 7,5 Prozent vor einem Jahr - erreichen, scheint sicher, ein zweistelliges Ergebnis durchaus realistisch und ein Zieleinlauf als dritte Kraft nicht ausgeschlossen. An eine Regierungsbeteiligung glaubt Trittin, bei allem zur Schau gestellten Optimismus, offenbar selbst nicht. Wie anders ist seine Feststellung zu verstehen, dass der für ihn "nach zehn Jahren Koch organisch normale und eigentlich überfällige Wechsel" in der Wiesbadener Machtzentrale "von der SPD erst mal verstolpert wurde"?

Um wenigstens als Partei und Fraktion gestärkt aus der Wiederholungswahl hervorzugehen, setzen die Grünen voll und ganz auf ihre "Kernkompetenzen", wie der Lorscher Kreistagsabgeordnete Thilo Figaj formuliert - also auf erneuerbare Energien und einen planmäßigen Ausstieg aus der Kernenergie, auch und vor allem in Biblis.

Eigene Erwartungen übertroffen

Dass Hessen unter den 16 Bundesländern bei der Nutzung erneuerbarer Energien den "vorletzten Platz" einnimmt, findet Trittin "tragisch" und untermauert dies mit Zahlen: Mit einem 15-prozentigen Anteil von "grünem" Strom sind die Prognosen des zweimaligen Umweltministers im Kabinett Schröder deutlich übertroffen. Zehn Prozent der Gesamtenergie kommen aus erneuerbaren Quellen. Sie kompensieren den gesamten CO2-Ausstoß der bundesdeutschen Pkw-Flotte.

250 000 Arbeitsplätze wurden deutschlandweit durch neue Energien geschaffen. An Hessen sei die Entwicklung "aus ideologischen Gründen vorbei gegangen", beklagt Trittin. Die Wachstumspotenziale hält er gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten für riesig: "Schließlich ist Deutschland bei den erneuerbaren Energien Weltmarkt- und Technologieführer." Dass dabei 70 Prozent des Umsatzes im Export erwirtschaftet werden, führt er darauf zurück, "dass wir zu Hause etwas vorzuweisen haben".

Weniger im Kreis Bergstraße, wie die beiden Direktkandidaten der Grünen, Evelyn Berg aus Zwingenberg und Ralf Löffler aus Lindenfels, beklagen. Hier gibt es zwar das Weltrekord-Solardach in Bürstadt und ein innovatives Windkraft-Unternehmen wie das von Franz Mitsch in Rimbach-Mitlechtern. Aber es dreht sich kein einziges Windrad im Kreis, und es werden viel zu wenig Dachflächen für Photovoltaikanlagen genutzt, kritisiert Thilo Figaj.

Nicht weniger wurmt den Lorscher, dass zwei der drei neuen Biogasanlagen in Lorsch und Bürstadt nur mit Mais betrieben werden, für andere Substrate aber technisch nicht ausgelegt sind. Glaubt man Jürgen Trittin, dann ist Biogas spätestens im Jahr 2015 eine marktfähige Alternative, für die er Windenergie schon heute hält.

Die Grünen setzen auf Photovoltaik, Biogas und Windenergie

- Außer auf Photovoltaik und Biogasanlagen setzen die Grünen im Kreis vor allem auf Windenergie.

- Umso ärgerlicher ist für Thilo Figaj, der für die Grünen in der regionalen Planungsversammlung sitzt, dass die vorgesehenen Vorrangflächen bei Biblis und im Überwald „von der CDU massiv bekämpft“ werden.

- Der ehemalige Bundesumweltminister und künftige Spitzenkandidat für die Bundestagswahl, Jürgen Trittin, plädiert für „moderne“ und meint damit größere Anlagen.

- Für die Wahrnehmung im Landschaftsbild sei die Geschwindigkeit, mit der sich ein Windrad dreht, entscheidender als die Höhe der Masten und die Spannweite der Schaufeln.

- Die Bergstraßen-Hänge sind für Trittin nicht unbedingt tabu: „Es kommt immer auf den konkreten Standort an.“

- In Spanien etwa würden Windkraftanlagen bewusst entlang von Bergketten gebaut, argumentiert Trittin. Allerdings räumt er ein: „Das geht nicht immer und überall.“

STARKENBURGER ECHO:

Der frühere Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) wirft den großen Parteien vor, die Konjunkturprogramme nicht als Chance für eine zukunftsweisende Energiepolitik zu nutzen. Trittin sprach gestern bei einer Wahlveranstaltung in Bensheim. Er sagte, schon jetzt trage die Windenergie dazu bei, die Strompreise niedrig zu halten. Die Kreditklemme verhindere allerdings, dass in neue Windkraftanlagen investiert werde. Trittin hält die Abwrackprämie für alte Autos für falsch, weil sie keine Umweltkomponente enthalte. Er führte das Energieeinspeisegesetz als Erfolg an, das in der Zeit der rot-grünen Bundesregierung verabschiedet wurde. Dieses Modell sei von 40 Staaten kopiert worden. Atomenergie sei nicht nur gefährlich, ihre Bedeutung werde überschätzt, sagte Trittin. Im vergangenen Jahr sei weltweit kein einziger Reaktor neu ans Netz gegangen.

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Evelyn Berg sieht den Wahlkampf „diesmal nicht so polarisierend – es ist kein Lagerwahlkampf“, sagt die 51 Jahre alte Soziologin, die sich erneut für die Grünen um das Direktmandat im Wahlkreis Bergstraße Ost bei den hessischen Landtagswahlen bewirbt.

Dass sie wieder antritt, hat für die Kommunalpolitikerin pragmatische Gründe – will heißen: „Ich bin noch da, mache weiter und stehe für meine Inhalte.“ Und zu diesen Inhalten gehört für die Mutter eines 19 Jahre alten Sohnes und einer elf Jahre alten Tochter auch, ein Zeichen zu setzen – ein Zeichen für Frauen in politischen Gremien: „Der weibliche Blick gehört mit zur politischen Arbeit.“

Schon 1997 wurde sie in ihrer Heimatstadt Zwingenberg aktiv für Betreuungsangebote für Kinder unter drei Jahre – es habe fast acht Jahre gedauert, bis sie Wirklichkeit wurden.

Evelyn Berg ist Zwingenberger Stadträtin für die GUD (Gemeinschaft für Umweltschutz und Demokratie) und sitzt für die Grünen im Bergsträßer Kreistag. Das gibt ihr das Wissen über den Wahlkreis, der von ihrer Heimatstadt über Bensheim bis in den Odenwald und bis ins Neckartal reicht.

Ihre politischen Schwerpunkte liegen im Bereich Bildung, Umwelt und Soziales. So ist Berg nicht grundsätzlich gegen „G 8“, wie sie sagt, kritisiert aber die Art und Weise, wie dieses Modell zur Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur umgesetzt werden soll.

Das Konzept müsse inhaltlich überarbeitet und den Eltern eine reelle Wahlfreiheit auf der Basis parallel laufender Schulmodelle ermöglicht werden, fordert die Kandidatin. Evelyn Berg plädiert auch dafür, die rückläufigen Schülerzahlen als Chance zu nutzen, die Klassen zu verkleinern, statt die Zahl der Lehrer zu reduzieren.

Klar, dass die grüne Politikerin dafür ist, das Kernkraftwerk Biblis abzuschalten. Dass die beiden Reaktorblöcke nach mehr als einem Jahr Stillstand wieder ans Netz gegangen sind, ist für sie „untragbar“.

Evelyn Berg setzt sich dafür ein, Hessen mit Energie aus regenerierbaren Quellen zu versorgen: Wind, Biomasse, Wasser und Sonne sollen Atomkraft und Kohle ersetzen.

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URL:http://www.gruene-bergstrasse.de/archiv/pressearchiv/presse-2009/expand/102896/nc/1/dn/1/