26.05.2007

Blauer Brief; Mitteilung über ungenügende Leistungen von Kultusministerin Karin Wolff

Wiesbaden, im Mai 2007

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Koch,

nach § 16 der Verordnung zur Gestaltung des Schulverhältnisses sollen Eltern frühzeitig über mangelhafte oder ungenügende Leistun gen ihrer Kinder informiert werden. Wir GRÜNE meinen, auch Ihre Kultusministerin hat einen so genannten Blauen Brief verdient. In allen Fachbereichen sind ihre Leistungen ungenügend. Einige Beispiele:

Ein Viertel aller 15-Jährigen hat in Hessen Probleme, einfachste Texte zu verstehen. Fast nirgendwo bleiben Jahr für Jahr mehr Schülerinnen und Schüler sitzen als in Hessen. Die Abiturientenquote stagniert statt zu steigen, wie es alle Experten fordern. Auch die Ziele, die sich Karin selbst steckt, erreicht sie nicht. Von dem von ihr versprochenen Bildungsland Nr. 1 kann selbst nach acht Jahren leider keine Rede sein. Im Gegenteil: In allen nationalen Vergleichsstudien landet Hessen bestenfalls im Mittelfeld, meist sogar im unteren Drittel.

Bei Karin klafft eine große Lücke zwischen mündlicher Beteiligung und schriftlichen Leistungen. Sie ist gut darin zu sagen, was andere an der Schule machen müssen. Ihr eigener Beitrag zu den von ihr angestoßenen Projekten lässt jedoch stark zu wünschen übrig. Karin fällt gerne durch Ideen auf, die vor ihr noch niemand gehabt hat, so z.B. Unterricht ohne Lehrer – auch „Unterrichtsgarantie plus“ genannt. Wir bitten um Ihr Verständnis, dass wir im Interesse der Unterrichtsqualität weiter darauf bestehen, dass Fachunterricht Fachleute braucht und keine Laien. Karins Idee führt außerdem zu einem unverantwortlichen bürokratischen Aufwand. Ihre Kultusministerin stiehlt den Schulen seit langem Zeit, die diese für die pädagogische Arbeit dringend bräuchten. Sie sind fast nur noch damit beschäftigt, den Mangel zu verwalten und die zentralistischen und obrigkeitsstaatlichen Phantasien von Karin zu erfüllen. Die Grenze der Belastbarkeit ist schon lange erreicht.

Karins Plädoyer dafür, im Biologieunterricht neben der wissenschaftlichen Evolutionstheorie auch den christlichen Schöpfungsglauben zu vermitteln, ist auf großes Unver ständnis und Widerstand gestoßen. Auch Karins Ausfl ug in die Informatik war leider nicht von Erfolg gekrönt. Die neue Lehrer- und Schülerdatenbank (LUSD) hat zu mehr Frust als LUSD geführt. Auch hier hat Karin wieder die Arbeit und das Fortkommen der Schulen erschwert und für erhebliche Mehrarbeit gesorgt. Wir möchten Sie daher eindringlich darauf hinweisen, dass unsere Schulen kein Experimentierfeld für unausgegorene und handwerklich schlecht gemachte Konzepte Ihrer Kultusministerin sind.

Karin nimmt auch im laufenden Schuljahr mit Eifer an bildungspolitischen Diskussionen teil. Sie weigert sich jedoch hartnäckig, Erkenntnisse der Bildungsforschung zur Kenntnis zu nehmen, die nicht aus den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts stammen. Selbst den wohlmeinenden Hinweis der eigenen Experten aus dem Kultusministerium, wonach das real existierende strikt gegliederte Schulsystem in Hessen gescheitert ist, schlägt Karin in den Wind. Auch mit ihrer früheren Klassenkameradin im Kultusministerium und heutigen Bildungssenatorin von Hamburg, Alexandra Dinges-Dierig (CDU), hat sich Karin überworfen. Frau Dinges-Dierig macht in Hamburg das, was in Hessen nicht sein darf: Wahrnehmen der Wirklichkeit und eine – wenn auch zaghafte – Abkehr von der strikten Auslese im 3-gliedrigen Schulsystem.

Das Sozialverhalten von Karin lässt ebenfalls zu wünschen übrig. Ihr Geltungsdrang ist stark ausgeprägt. So verpflichtete sie 2000 Schulleiterinnen und Schulleiter an einem Samstag dazu, ihr beim 400.000 Euro teuren Schulleiterkongress zuzuhören. Freiwillig wären wahrscheinlich nur wenige gekommen. Im direkten Vergleich mit Ihrer Rede auf dieser Veranstaltung, Herr Ministerpräsident, fi el zudem die ebenso übersteigerte wie grundlose Selbstzufriedenheit von Karin besonders auf.

Insgesamt ist Karin nicht dazu in der Lage, den komplexen Anforderungen ihres Amtes zu entsprechen. Nach einer repräsentativen Umfrage von Infratest-dimap im Auftrag des Hessischen Rundfunks sagen 71% der Menschen in Hessen, die Lage an den Schulen habe sich in den letzten acht Jahren verschlechtert oder zumindest nicht gebessert. Für die Leistungen Ihrer Kul tusministerin bedeutet dies entsprechend dem Beurteilungsmaßstab für die Notengebung gemäß Hessischem Schulgesetz, § 73 (4), die Note 6, also ungenügend. Wir GRÜNE sind davon überzeugt: Die Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer und die Eltern in Hessen haben Besseres verdient!

Tarek Al-Wazir                                            Mathias Wagner

Fraktionsvorsitzender                                   Bildungspolitischer Sprecher

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