08.03.2014

Weltfrauentag

Am 8. März begehen Frauen in aller Welt den Internationalen Frauentag. Seit mehr als 100 Jahren fordern sie an diesem Tag Gleichberechtigung und prangern die nach wie vor herrschende Gewalt gegen Frauen an.

Wenn allgemein angenommen wird, dass das Thema Gewalt an Frauen in Deutschland zur Vergangenheit gehört, irrt. Zwar hat die Frauenbewegung in den letzten Jahren einige Erfolge erzielen können, aber der Alltag von Frauen – auch hier in Deutschland – sieht vielfach anders aus.
Das Kreisvorstandsmitglied von B90/Grüne Kreis Bergstraße Dr. Angelika Köster-Loßack (MdB 1994 bis 2002, in dieser Zeit Mitglied im Menschenrechtsausschuss des Bundestages) und Heidi Besas, Kreisvorstand sowie Geschäftsführerin und Beraterin am Notfalltelefon des Vereins FORWARD-Germany e.V., arbeiten seit 1998 gemeinsam in diesem Verein an der Thematik Abschaffung von ritueller Gewalt an Frauen und Mädchen. Sie setzen sich für ein Ende der weltweit praktizierten Genitalverstümmelung ein. In diesem Zusammenhang weisen sie auch am Weltfrauentag auf die bisher unzureichende und fehlende psychosoziale und medizinische Versorgung von weiblicher Genitalverstümmelung betroffenen Frauen und gefährdeten Mädchen in Deutschland hin.
Allgemein wird geglaubt, dass diese Thematik nichts mit Deutschland oder dem Kreis Bergstraße zu tun hat. Die Realität sieht anders aus. Bedingt durch die Zuwanderung und Flucht von Menschen aus allen Kulturkreisen, leben auch Frauen und Mädchen unter uns, die dieses schädliche Ritual haben erleiden müssen. In vielen Fällen hat dieser brachiale Eingriff in ihre körperliche Unversehrtheit negative Auswirkungen auf ihr ganzes Leben.
Allein in Deutschland leben schätzungsweise 20.000 oder 30.000 Frauen und tausende von Mädchen, denen dieses Schicksal während eines Heimaturlaubes widerfahren kann. Ihre Eltern fühlen sich alten Traditionen verpflichtet und „unbeschnittene“ Töchter entsprechen nicht ihren moralischen Vorstellungen. Sie befürchten, dass sie im Falle einer Rückkehr in ihr „Heimatland“ oder bei einer Rückführung, keinen Ehemann in der eigenen Volksgruppe finden und sich dann nicht integrieren können. Sie würden als Außenseiterinnen gelten und mit Verachtung und Ächtung aus der Gemeinschaft bestraft werden. „Es handelt sich um eine gesellschaftliche Norm, deren Missachtung von der eigenen Community nicht geduldet wird“, erläutert Heidi Besas, die mit betroffenen Frauen zusammenarbeitet und von ihnen die Hintergründe erklärt bekam.
Am 20. Dezember 2012 verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen (einschließlich der Bundesrepublik Deutschland) ein universelles Verbot. "Es geht jetzt darum, alle unsere Kräfte zu bündeln, die betroffenen Frauen zu erreichen und aus diesem Verbot ein wirksames Mittel gegen die weibliche Genitalverstümmelung zu machen", so Besas weiter. Deutschland unterstützt mit einem Sonderprogramm in Höhe von 10 Millionen Euro lokale Initiativen in Afrika. Das alleine reicht jedoch nicht. Auch wir in unseren Kommunen müssen tätig werden.
Bereits 1998 hatte Frau Dr. Köster-Loßack mit weiteren Bundestagsabgeordneten eine Anfrage zum Thema in den Bundestag eingebracht. Erst im Jahr 2009 folgte ein parteiübergreifender Antrag in den Bundestag auf Einführung eines eigenen Straftatbestands. Im September 2013 wurde das Strafgesetzbuch ergänzt mit dem § 226a: Verstümmelung weiblicher Genitalien: Wer die äußeren Genitalien einer weiblichen Person verstümmelt, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr bestraft. (2) In minder schweren Fällen ist auf Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren zu erkennen.
Seit Januar 2014 wurde ein eigener ICD (Internationaler Diagnoseschlüssel für die Abrechnung einer kassenärztlichen Leistung) in Deutschland eingeführt und ab dem 18.01.2014 haben wir in Hessen im Koalitionsvertrag zwischen CDU/B90 Grüne unter dem Begriff festgeschrieben:
Gesundheit: Fördern und erhalten: Wir legen ein besonderes Augenmerk auf Gesundheitsförderung und Prävention, die sich an den Lebenswelten orientiert. Um beides flächendeckend auszuweiten, wollen wir die Kommunen stärker einbeziehen und das Tätigkeitsfeld der Hessischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitserziehung (HAGE) weiterentwickeln. Für die großen Volkskrankheiten wie Diabetes und Rheuma sowie für Krankheitsbilder wie z.B. für HIV/AIDS und Folgen der Genitalverstümmelung wollen wir Prävention, Begleitung und medizinische Versorgung zielgruppengerecht weiterentwickeln.“
Auf der am 01.03.2014 stattgefundenen Landesfrauenratssitzung Hessen wurden weitere Maßnahmen zur Umsetzung dieser Aussage im Koalitionsvertrag beraten, um Schritt für Schritt die Prävention, sowie die Begleitung und medizinische Versorgung für unsere Mitbürgerinnen auch im Kreis Bergstraße zu verbessern.

zurück

URL:http://www.gruene-bergstrasse.de/archiv/vergangene-jahre/das-jahr-2014/expand/550935/nc/1/dn/1/