Thilo Figaj beim Kreistag am 11.11.13 zum Ergänzungsantrag „FairTrade“ Landkreis

Fairer Handel, faire Preise und damit gerechte Lebensbedingungen für die Erzeuger vor allem landwirtschaftlicher Produkte sind seit einem halben Jahrhundert die Anliegen vieler Menschen. Die ersten Initiativen gingen aus kirchlicher Arbeit hervor. Auslöser war etwas, was wir heute unter Globalisierung subsumieren, was die Menschen in den 1950er Jahren, also vor dieser Worterfindung, allerdings noch wesentlich treffender identifizierten und es auch so nannten, nämlich Neo-Imperialismus. Besonders treffend dann, wenn es sich um Importware nach Nordamerika oder Europa handelte, allen voran Kaffee oder Südfrüchte.

„All business is local“ – Geschäft ist immer regional – sagt man im Geschäftsleben. Damit sind natürlich die Profite gemeint, die im letzten Schritt einer Wertschöpfungskette stehen. An diesen Profiten in höherem Maße die Erzeuger profitieren zu lassen, ist erklärtes Ziel der Fair Trade Organisationen, und man muss es ihnen anrechnen, dass sie mit der Schaffung von Güte Siegeln dem Bewusstsein der Industrienationen für einen Fairen Handel auf die Sprünge geholfen haben. Dieses gewachsene Bewusstsein hat in Folge dazu geführt, dass die Kriterien die heute für den Fairen Handel stehen, sich ausgeweitet haben. Neben einem fairen Preis sind Arbeitsbedingungen und Gleichberechtigung, Transparenz und Umweltschutz, zu unverzichtbaren Faktoren geworden, die einen echten Fairen Handel und damit die Gütesiegel ihrer Produkte kennzeichnen.

Wichtiger als ein Siegel an sich sind weiterhin das Stärken des individuellen Bewusstseins für eine faire und umweltgerechte Erzeugung und der Handel mit diesen Produkten. Lange schon nicht mehr sind es Kaffee und Bananen, Blumen oder Schokolade, Eiscreme oder Textilien, denen unsere Aufmerksamkeit zu gelten hat. Es sind alle Produkte des globalen Handels. Der Focus der Aufmerksamkeit hat sich erst in jüngerer Zeit auf die technischen Produkte gelegt.

Was, um nur ein Beispiel zu nennen, ist eigentlich mit den Mobiltelefonen? In diesen und anderen E-Geräten stecken Rohstoffe, die vor allem in Afrika unter zweifelhaften Bedingungen gewonnen werden. Die Hersteller erklären, die Herkunft nicht klären zu können. Und wenn das neueste I-Phone auf den Markt kommt, verschwinden wieder einmal Millionen dieser Altgeräte in Containern, oft gehen sie zurück nach Afrika, wo ihre wertvollen Edelmetalle vor ärmlichen Hütten von denjenigen aus den Platinen herausgedampft und geatmet werden, die sich in den Minen bei ihrer Gewinnung noch nicht vergiftet hatten. Ein perfider Kreislauf.

Es gilt, auch diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Dazu bedarf es weiterer Bewusstseinsstärkung auf allen Ebenen, vom Erzeuger, von der Politik, vom Handel. Aber erst eine wachsame Verbrauchermacht wird es bewirken können. Mit dem Beitritt zur Kampagne „Fair Trade Towns“ allein werden wir es nicht schaffen können.

Es sind fünf einfache Kriterien, die uns zum Siegel Fair Trade Kreis verhelfen sollen. Wir müssen heute einen Beschluss fassen, dann eine Steuerungsgruppe bilden, eine Liste der EH Geschäfte und der Gastronomie mit gesiegelten Produkten präsentieren, schließlich in öffentlichen Einrichtungen wie z.B. Schulen Bildungsaktivitäten durchführen, über die dann die Presse zu berichten hätte.

Wer nun denkt, dies sei nicht besonders ambitioniert, dem muss freilich Recht gegeben werden. Allein die Liste der Gastronomie und der EH Geschäfte im Kreis Bergstraße sei eine Fleißaufgabe, mag man denken. Der vom Antragsteller ins Auge gefasste Verein zur Förderung des Fairen Handels mit der Dritten Welt, TransFair, der diese „Auszeichnung“ vergibt, lizenziert selbst auch das FairTrade Siegel und damit die Produkte der Hersteller. Ein Schelm, wer…

Nach diesen Kriterien müssten wir im Kreis und für eine EW Kennzahl von 263.000 insgesamt 19 gesiegelte Gastronomiebetriebe und 37 EH Geschäfte vorweisen.

Wenn man allerdings ins Kleingedruckte schaut, wird man sehen, dass allein ein Kaffeeautomat mit FairTrade Kaffee, der in einer Betriebskantine ausgeschenkt wird, schon einen Zählpunkt als Gastronomiebetrieb bewirkt, wird nachdenklich.

Bei den EH Geschäften wird es dann noch einfacher. Da die Initiatoren ihr Siegel ja nicht nur an Weltläden vergeben, sondern mittlerweile auch an Supermärkte wie Kaisers, Tengelmann, Rewe, toom, E-Center, Neukauf, Kaufland, Rossmann Lidl, Penny und Aldi, wird es zur reinen Zählaufgabe.

Im Kreis Bergstraße (ohne Neckartal) gibt es 110 Aldi und 89 Lidl. Zur Erinnerung: 37 Einzelhandelsstandorte sind gefordert.

Man mag über die Sinnhaftigkeit nun streiten, wir GRÜNEN haben uns entschlossen das an dieser Stelle nicht zu tun, sondern den Antrag sinnvoll zu ergänzen. Wir möchten uns nicht durch einfaches Handheben von der Notwendigkeit der weiteren Bewusstseinsbildung entlasten, ein weiteres Prädikat ans Revers heften und im Übrigen die Bildungsarbeit an zwei Lehrer und ihre Schüler delegieren – denn mehr als zwei Schulen bedürfte es nicht. Neben unserer Ergänzung, diese Bildungsarbeit als Schulträger flächendeckend vorzuschlagen und zu entwickeln, schlagen wir vor, dem Ausschuss Regionalpolitik und Infrastruktur, bei ihrer Bildung der Steuerungsgruppe aufzugeben, zusätzlich noch ein konkretes Dritte Welt Projekt des Kreise auf den Weg zu bringen, dass wir langfristig begleiten. Mit unserem Antrag ist gewährleistet, dass die Schulen möglichst flächendeckend an der Bewusstseinsbildung arbeiten, und auch wir als Regionalpolitiker und Multiplikatoren in der Gesellschaft.

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